Wohin Die Wut Geht 1024x768

Wohin die Wut geht, die nicht raus darf

Ich war lange stolz darauf, dass ich nie wütend werde. Andere schrien sich im Supermarkt an der Kasse an oder knallten Türen, ich blieb freundlich, fand für jeden Verständnis und hielt das für eine Form von innerer Reife. Dass ich gleichzeitig jeden Abend todmüde war, ohne dass der Tag besonders anstrengend gewesen wäre, und dass mich das Geräusch, mit dem jemand neben mir seinen Joghurtbecher auskratzte, in eine stille Raserei versetzen konnte, habe ich nicht damit in Verbindung gebracht. Die Wut war nie weg gewesen. Sie hatte sich nur eine andere Wohnung gesucht.

Wütend sein kann jedes Kind, das muss man ihm nicht beibringen. Beigebracht wird ihm etwas anderes, und zwar ziemlich früh. Ein Kind, das wütend wird, hört selten, dass da gerade etwas Berechtigtes in ihm passiert. Es hört, dass es sich beruhigen soll, dass es jetzt reicht und dass man in diesem Ton hier nicht redet. Der Körper versteht schnell, was gemeint ist, nämlich dass dieses Gefühl in diesem Haus unerwünscht ist. Also lässt er es nicht mehr raus. Verschwunden ist es damit allerdings nicht, es nimmt nur andere Wege.

Der erste Weg führt in den Körper selbst. Der Nacken wird hart, der Kopf fängt am Sonntagnachmittag an zu schmerzen, und der Magen zieht sich bei einem Konflikt zusammen, bevor der Verstand überhaupt mitbekommen hat, dass einer läuft. Der zweite Weg ist die Gereiztheit, die sich gegen Menschen richtet, die mit der Sache gar nichts zu tun haben: den Partner, der die Spülmaschine falsch einräumt, die Kinder, die zu laut sind, die Kollegin mit ihren Sprachnachrichten. Der dritte Weg ist der Stau. Monatelang sammelt sich etwas an, und dann reicht ein verlegter Schlüssel, und der ganze Abend fliegt in die Luft, während der eigentliche Grund längst irgendwo im Frühjahr liegt. Instabil ist daran niemand. Es ist schlicht das, was passiert, wenn einem Gefühl der direkte Ausgang zugemauert wird.

Die Wut hat einen schlechten Ruf, und dabei geht regelmäßig unter, dass sie einen Job hat, den sie ziemlich präzise erledigt. Sie meldet, wo jemand eine Grenze überschritten hat, und zwar schneller, als man darüber nachdenken könnte. Wer sie dauerhaft wegdrückt, verliert damit auch diese Meldung und wundert sich irgendwann, warum er sich immer wieder Dinge gefallen lässt, die ihm eigentlich gegen den Strich gehen. Hinter fast jeder Wut steckt die Frage, was hier gerade überschritten wurde. Manchmal ist die Antwort ganz handfest, ein gebrochenes Versprechen oder eine Aufgabe, die dir jemand wortlos zugeschoben hat. Manchmal ist sie deutlich älter als die Situation, in der sie hochkommt. In beiden Fällen ist die Wut das Signal und nicht der Schaden.

Hilfreich fand ich irgendwann die Unterscheidung zwischen Wut und Groll. Wut reagiert auf etwas, das gerade passiert. Sie steigt an, macht sich bemerkbar und klingt wieder ab, wenn jemand sie zur Kenntnis genommen hat. Groll ist Wut, die nie einen Ausgang gefunden hat und deshalb sesshaft geworden ist. Er lebt im Keller und kommt verlässlich nach oben, sobald eine bestimmte Person anruft oder ein bestimmtes Thema auf den Tisch kommt, ganz egal, was in dem Moment tatsächlich los ist. Man nennt das gern nachtragend und meint damit eine Charakterschwäche. Meistens ist Groll eher eine offene Rechnung aus einer Zeit, in der für Widerspruch kein Platz war. Durch Vergeben auf Kommando wird er nicht kleiner. Er wird kleiner, wenn die ursprüngliche Wut, die in ihm steckt, einmal vollständig ausgesprochen wird, und sei es auf Papier, das nie jemand zu Gesicht bekommt.

Wenn die Wut einmal ernst genommen wurde, muss sie nicht mehr bei jeder Kleinigkeit Alarm schlagen. Sie war lange die Einzige, die versucht hat, dir etwas zu sagen, und es lohnt sich, ihr wenigstens einmal bis zum Ende zuzuhören.

zum Workbook 2 – Was Wut will

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