Dienstag, kurz nach elf. Du hast die Mail an die Steuerberaterin mit dem falschen Anhang rausgeschickt, und bis jetzt hat es niemand bemerkt, die Steuerberaterin wahrscheinlich auch nicht, die hat andere Sorgen. In deinem Kopf ist die Verhandlung trotzdem schon abgeschlossen, bevor die Mail überhaupt im Postausgang angekommen ist. Das Urteil lautet: typisch, nicht mal das kriegst du hin.
Jetzt stell dir vor, deine beste Freundin säße dir in der Küche gegenüber und würde genau diesen Satz zu dir sagen, im selben Ton. Du würdest die Tasse abstellen und sie fragen, was eigentlich mit ihr los ist. Und wenn dir eine andere Freundin erzählen würde, dass so mit ihr geredet wird, würdest du ihr raten, sich das nicht länger anzuhören.
Bei dir selbst hörst du dir das an, seit Jahren, und meistens gibst du der Stimme auch noch recht.
Ich habe sehr lange geglaubt, dieser Ton sei meine Vernunft. Er klang ja auch so, sachlich, ein bisschen enttäuscht, immer gut informiert über meine Schwächen. Ich habe dann eine Weile versucht, netter zu mir zu sein, was ungefähr so gut funktioniert hat wie Vorsätze an Silvester. Interessant wurde es erst, als ich mich gefragt habe, woher ich diesen Ton eigentlich kenne. Erfunden hatte ich ihn jedenfalls nicht.
Man könnte die Härte gegen sich selbst für einen Charakterfehler halten, wenn sie nicht so gut organisiert wäre. Sie hat eine Logik, und die ist ziemlich schlüssig: Wer sich selbst zuerst verurteilt, nimmt jedem anderen Urteil die Wucht. Wenn du selbst schon festgestellt hast, dass du es vermasselt hast, kann dich keiner mehr damit überraschen. Gelernt hat man das meistens früh, in einem Zuhause, in dem Kritik ohne Vorwarnung kam oder Zuwendung an Bedingungen hing. Als Kind war es eine kluge Entscheidung, sich selbst zuvorzukommen. Sie hat vermutlich jahrelang funktioniert, und deshalb arbeitet sie bis heute weiter, mit der Gewissenhaftigkeit einer Behörde, die nie davon erfahren hat, dass ihr Auftrag längst erledigt ist.
Wo sie heute sitzt, merkst du selten über die Gedanken, die halten den Ton inzwischen für normal. Der Körper ist da weniger diskret. Es ist der Kiefer, wegen dem dich die Zahnärztin fragt, ob du nachts knirschst. Es sind die Schultern, die im Urlaub am dritten Tag ein Stück runterkommen und am vierten wieder oben sind. Und es ist der Atem, der irgendwo unter dem Schlüsselbein hängen bleibt, als müsste er jederzeit bereit sein, eine Rechtfertigung zu liefern. Wenn du wissen willst, wie viel die Strenge bei dir zu tun hat, frag dich, wo du gerade angespannt bist, ohne dass es dafür einen Anlass gibt.
Wegbeschließen lässt sie sich nicht, das habe ich gründlich ausprobiert. Was ich dem Nervensystem tagsüber mit Willenskraft abgerungen hatte, stand am nächsten Morgen wieder da, gern ein bisschen stabiler als vorher. Geholfen hat etwas viel Unscheinbareres, nämlich sie bei der Arbeit zu erwischen. Mitten im Satz zu merken, dass da gerade wieder diese Stimme spricht, und für einen Moment nicht automatisch zu nicken. Am Anfang gelingt das selten und meistens erst Stunden später. Mit der Zeit wird der Abstand kürzer, und irgendwann, an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, ist eine Mail mit dem falschen Anhang einfach eine Mail mit dem falschen Anhang.
Die Härte gegen dich selbst ist das erste Kapitel im Workbook „Bekannter Schmerz, unbekannte Freiheit“, zusammen mit der geerbten Aufopferung und der Geschichte, dass du das Opfer bist
