Warum du strenger mit dir bist als mit jedem anderen Menschen

Du würdest einer Freundin nie sagen, was du dir selbst bei jedem Fehler sagst. Warum diese Strenge entsteht, wo sie im Körper sitzt, und was tatsächlich hilft.

Es gibt einen Test, der weh tut, weil er so einfach ist. Stell dir vor, eine gute Freundin erzählt dir, was du dir selbst an einem gewöhnlichen Dienstag innerlich sagst, wenn etwas schiefgeht. Wortwörtlich, ohne die geglättete Version. Du würdest sie unterbrechen. Du würdest sagen: So redet man nicht mit dir. Hör auf, dir das anzuhören.

Bei dir selbst hörst du zu. Und nickst.

Ich kenne diesen Ton. Ich habe Jahre gebraucht, um zu merken, dass er nicht meine Vernunft ist, sondern etwas, das sich als Vernunft ausgibt. Und die Frage, die alles verändert hat, war nicht „Wie werde ich netter zu mir?“ Es war eine andere: Woher kenne ich diesen Ton eigentlich?

Die Strenge war einmal eine Lösung

Niemand entscheidet sich morgens, hart zu sich zu sein. Die Strenge ist irgendwann da, so selbstverständlich wie eine Gewohnheit, deren Anfang keiner mehr kennt. Aber wenn man ihr nachgeht, hat sie eine Logik, und die ist erschreckend vernünftig: Wer sich selbst zuerst verurteilt, kann von niemandem mehr überrascht werden. Wer die eigene Unzulänglichkeit schon festgestellt hat, bevor es ein anderer tut, behält wenigstens die Kontrolle darüber.

Das ist keine Neurose. Das ist Risikomanagement — gelernt in einer Zeit, in der Kritik unberechenbar kam oder Zuwendung an Leistung hing. Damals war die vorauseilende Selbstverurteilung klug. Sie hat funktioniert. Wahrscheinlich jahrelang.

Ihr einziger Fehler: Sie macht nie Feierabend.

Wo die Strenge heute wohnt

Nicht im Kopf, jedenfalls nicht nur. Sie sitzt im Kiefer, der sich nachts verbeißt. In Schultern, die auch im Urlaub nicht ganz runterkommen. In einem Atem, der oben bleibt, flach, auf Abruf, als könnte jeden Moment etwas verlangt werden.

Wenn du wissen willst, wie stark sie bei dir arbeitet, frag nicht deine Gedanken. Frag deinen Körper: Wo bin ich gerade angespannt, ohne dass es dafür eine Aufgabe gibt? Genau dort wohnt sie.

Was hilft — und was garantiert nicht

Was nicht hilft: der Vorsatz, ab jetzt lieb zu sich zu sein. Ich habe es versucht, mehrfach. Mauern, die man mit Willenskraft einreißt, baut das Nervensystem über Nacht wieder auf, gern etwas höher als vorher. Die Strenge lässt sich nicht wegbeschließen, weil sie nie beschlossen wurde.

Was hilft, ist unspektakulärer: sie beim Arbeiten zu ertappen. Der Moment, in dem du mitten in der Selbstkritik merkst — ah, da ist sie wieder — ist der einzige Moment, in dem du eine Wahl hast. Nicht jedes Mal. Aber mit der Zeit immer öfter.

Es geht nicht darum, nie wieder hart zu dir zu sein. Es geht darum, es zu bemerken, während es passiert. Das klingt nach wenig. Es ist fast alles.


Diesem Thema widmet sich das Workbook „Bekannter Schmerz, unbekannte Freiheit“ — über die drei Muster, die uns von uns selbst trennen: Selbstkritik, Aufopferung und die Opferrolle.

— Nayla